Leider habe ich nur aus zweiter Hand vom Gesprächskreis zum Thema Missbrauch in der Kirche erfahren. Daher will ich meine Entrüstung über die Thesen von Stadtpfarrer Klaus Ammich als Denkanstösse formulieren, gleichwohl mich die Art und Weise, wie er dem Thema Missbrauch begegnet.
Missbrauch an katholischen Einrichtungen ist kein Phänomen der 50er und 60er Jahre, auch wenn aktuellen Enthüllungen den Eindruck hinterlassen. Das Phänomen ist, dass viele Opfer oft Jahrzehnte brauchen um die Vorfälle so weit zu verarbeiten, dass sie offensiv damit umgehen können.
Es gibt keine Medienhetze, ganz im Gegenteil die Berichterstattung ist verglichen mit der publizistischen Verwertbarkeit sogar eher gering, das liegt auch daran, dass es in der Medienlandschaft sehr viele und einflussreiche katholische Medien gibt. Was an Schieflage in der Berichterstattung möglicherweise wahrgenommen wird, hat seine Ursache im Auftreten einiger katholischer Würdenträger, deren Äusserungen bei näherer Betrachtung als Populismus enttarnt werden.
Populimus ist es auch wenn man mit dem Begriff „Kesseltreiben“ hausieren geht. Auf den ersten Blick mag das für Mitleid sorgen. Beim zweiten fallen einem da aber die Kampagnen ein, mit denen Amtsträger der Kirche gegen Kritiker vorgegangen ist. Eben auch die Kritiker, die versucht haben die Diskrepanz der katholischen Sexualmoral mit dem gelebten Alltag aufzuzeigen.
Das Jugendamt ist nicht Thema der Debatte. Im übrigen stehen die katholischen Einrichtungen für Kinder- und Jugendhilfe auf der gleichen Stufe, auch sie werden über staatliche Gelder finanziert und haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie die staatlichen Einrichtungen.
Die Lösung sind nicht plakative Aktionen, wie das einhalten körperlicher Distanz. Eine Umarmung oder das Halten der Hand ist kein sexueller Missbrauch, sondern eine normale zwischenmenschliche Handlung. Wer den Unterschied nicht wahrnimmt und stattdessen versucht ihn über Dogmen zu reglementieren, verhindert die Auseinandersetzung über die Regeln des Miteinander. Das ist genau der Vorgang, der dazu führt, dass alltägliche Handlungen übersexualisiert werden und sich dann im Verborgenen ausleben.
Ein wichtiger Punkt wird leider gar nicht betrachtet. Warum wurde der Missbrauch an katholischen Einrichtungen erst dann zum Thema der Selbstreflexion, als Vorfälle an katholischen Eliteschulen bekannt wurden? (
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Ebenfalls unter den Tisch gekehrt wird, dass Joseph Kardinal Ratzinger noch 2001 die Gültigkeit eines Dekrets bestätigt hat, das Opfer sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche bei Eid zum Stillschweigen befahl. (
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Besonders kirchliche Amtsträger müssen sich der Verantwortung stellen, die sie durch ihr Gehorsamgelübde eingegangen sind. Dabei geht es nicht um persönliche Schuld, sondern die Frage welche Rolle sie eingenommen haben um die Systemfehler zu erhalten und was sie getan haben um die Fehler zu korrigieren, die offensichtlich sind.
Die Zeit der Selbstreinigung ist vorüber. Die katholische Kirche hatte spätestens seit 2002 alle Mittel an der Hand um die Vorgänge öffentlich zu machen und hat die Chance nicht genutzt.
Nachtrag: Pfarrer Klaus Ammich hat seine Aussagen aus dem Gesprächskreis, zwischenzeitlich in einem Interview relativiert, da er sich in dem ursprünglichen Artikel falsch dargestellt sah. Wirklich entkräftet wird es in den drei Fragen aber nicht, er bleibt bei der Aussage, dass die Medienberichterstattung einseitig bzw. undiffernziert ist und dabei aktuelle Entwicklungen ignoriert. Bemerkenswert ist hingegen seine Aussage: „Die sexuelle Befreiung und Aufklärung der letzten Jahrzehnte hat gerade im Bereich der Bekämpfung des Missbrauchs eine sehr positive Wirkung.“ Damit trifft er exakt die Wahrheit und tritt in Opposition zu seinem Bischof Mixa. Immerhin das muss ich als mutig anerkennen.
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Diskussion
Ich lebe nicht in Schwabmünchen und war auch nicht bei dem Gesprächsabend. Den von Ihnen zitierten Artikel der AZ halte ich für stimmig und deckt sich mit dem was andere Pfarrer zu dem Thema gesagt haben. Es grenzt fast schon Selbstgefälligkeit, wenn man im Angesicht der Tragödien, die im Umfeld der Kirchen passiert sind, so auf Konfrontation setzt. Die Geschehnisse sind Realität und kein Erzeugnis der Medien. Die katholische Kirche muss akzeptieren, dass sie Teil einer säkularen und demokratischen Gesellschaft ist und sich nicht in ihrem eigenen Moral- und Rechtsverständnis austoben darf.
In dem Zusammenhang finde ich es gut, daß Sie das Gehorsamsgelübde ansprechen. Die aktuelle Situation erinnert mich an manchen Stellen, an die sog. Entnazifizierung. Nach 1945 rechtfertigten viele ihre Taten und Unterlassungen im dritten Reich mit dem Schwur, den sie aufs Vaterland geleistet haben und stilisierten sich dabei selbst zu Opfern. Für die wirklichen Opfer war und ist das ein Schlag ins Gesicht.
Ebenso mag es vielleicht heute den Missbrauchsopfer geben, wenn Bischöfe im Fernsehen, und Stadtpfarrer in ihren Gemeinden, nach Ausflüchten suchen und nicht bereit sind Verantwortung zu übernehmen.
Auf der einen Seite möchte man Pfarrer Ammich verstehen. Er verteidigt seine Kirche und vielleicht auch seinen Glauben gegen Angriffe von außen. Was er dabei nur übersieht ist die Grenze, die Anstand und Demokratie vorgeben. Die Pressefreit wird im 5. Artikel des Grundgesetztes garantiert. Daran kann und darf nicht gerüttelt werden. Wie stark der Einfluss der katholischen Kirche auf die Medien ist, kann man ja in diesem Fall erkennen. Ohne Not, offensichtlich wurden keine Lügen verbreitet, erhält der Pfarrer die Möglichkeit zu einer Gegendarstellung, in der er von seiner Position nicht abrückt, sondern lediglich ausschmückt. Entscheidend ist doch wie die Mißbrauchsfälle endlich Beachtung finden. Über Jahrzehnte hinweg gab es immer wieder Vorwürfe. Erst durch den medialen Druck hat sich die Kirche bewegt. Der Scherbenhaufen stammt aber nicht von den Medien. Den haben die Verantwortlichen in den Institutionen schon selbst zu verantworten. Dafür braucht es keinen „Gegenpol zur Darstellung in den Medien“, besser und hilfreicher ist selbstkritische Betrachtung. Wer das nicht will, hat aus den Fehlern nichts gelernt.
@Gramser:
Der Vergleich mit der Entnazifizierung ist vielleicht etwas weit angelegt. Damals wurden vielfach auch einfach Lebensläufe umgestrickt um als Mitläufer dazustehen. So etwas lässt sich im Moment nicht beobachten. Ähnlichkeiten sehe ich aber bei zwei Vorgängen: dem Widerwillen die Vorfälle von externen Instanzen aufklären zu lassen und dem Mechanismus, das eigene Lebensideal an eine Institution zu binden. Letzteres, darf man gerne jedem persönlich überlassen, solange sich sein Handeln trotzdem innerhalb gesellschaftlich aktzetierter Normen bewegt. Das Problem nur intern zu behandeln und jede Einmischung von aussen als unangemessen zu titulieren, ist ein Prozess, der einer Parallelgesellschaft jenseits demokratischer Grundregeln in die Hände spielt.
Bischof Zollitsch, selbst wenn er der Vorsitzende der Bischofkonferenz ist, hat einer Justizministerin keine Handlungsanweisungen zu geben. Weihbischof Jaschke, der in einem Interview sagte: “Aber die Kirche ist ein eigener Raum, wir haben eine kirchliche Rechtsordnung, und wenn Opfer und Täter sich bei uns melden, muss zusammen mit den Opfern und Tätern entschieden werden, wie die Staatsanwaltschaft mit ins Spiel kommt.“ stellt das Krichenrecht, das für den strafrechtlichen Teil gar nicht zuständig ist, über das staatliche Recht, abgesehen davon ist der vorgezogene Täter-Opfer-Ausgleich ein Unterfangen, das in hierarchischen Struktur nur schwer vorstellbar ist.
@Andrea Höllriegel:
Wobei interessanterweise in dem Interview die wirklich strittigen Fragen gar nicht angesprochen wurden. Das muss sich der Redakteurleiter Pitt Schurian auf die Fahne schreiben lassen. Ich hätte z.B. schon gefragt, wie Ammich zu der Einsicht kommt, dass die Fälle in den 50ern passiert seien. In Riekhofen, im Bistum Regensburg, gab es den Fall, dass ein Priester in der Seelsorge eingesetzt wurde, dem laut einem Gutachten keine Aufgaben mehr übertragen werden durften, die ihn mit Kindern und Jugendlichen zusammenbringen. Zwischen 2003 und 2006 verging er sich 22 mal an einem Ministrant. Im Kloster Ettal gab es noch 2009 Fälle von übertriebener körperlicher Züchtigung.